Allgemein, Arbeit, Europa, Inklusion, Menschenrechte, Soziales

Studie: Die working poor Europas werden immer mehr

Es reicht eben nicht, bloß Arbeitsplätze zu schaffen, wenn wir den Trend gegen Europa endlich umkehren wollen (müssen)!
„Trotz eines leichten Aufschwungs am europäischen Arbeitsmarkt sind immer mehr Menschen mit Vollzeitjob von Armut bedroht. Und da bildet auch Deutschland keine Ausnahme, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung belegt.“
http://dw.com/p/2Se4V

http://dw.com/p/2Se4V

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Arbeit, Behinderung, Bildung, Freiheit, Inklusion, Kultur, Menschenrechte, Philosophie, Soziales, Sprache, UN, Weltanschauung, WHO, Wissenschaft

Jeder Mensch hat einen Förderanspruch!

Solange es Förderschulen gibt, bleibt die Inklusion im Arbeitsmarkt und in unserer allgemeinen Gesellschaft erschwert!


Arbeitsmarkt
Förderschüler ohne Bildungsabschluss haben im ersten Arbeitsmarkt kaum Chancen, wenn doch, dann meist nur mit staatlicher Unterstützung. Förderschüler mit Bildungsabschluss können zwar Chancen im regulären Arbeitsmarkt finden, jedoch zum großen Teil nur in einfachen und mittleren Einkommensgruppierungen, und dies auch fast nur bei öffentlich rechtlichen Arbeitgebern.
In höheren Einkommensgruppierungen und akademischen Berufen findet man kaum Förderschüler. Wenn doch, dann nur weil sie den Bildungsweg über eine Regelschule fortsetzten.
Warum gibt es für Förderschüler im privaten Arbeitsmarkt so wenig Inklusion?
Es fehlen soziale Kompetenzen, die nur mittels gemeinsamem Lernen ausreichend erworben werden können.
Wie sollen z.B. Personalchefs oder Arbeitgeber, die nicht gemeinsam mit Kindern mit Fördermehrbedarf gelernt haben, genügend soziale Kenntnisse im Umgang mit diesen haben?

Haupt-, Realschule und Gymnasium
Zwar bekommen bestimmte Schüler mit Fördermehrbedarf die Chance auf den Besuch einer Regelschule, jedoch kaum auf den Besuch eines Gymnasiums.

Einerseits aus dem Grund, dass bestimmten Kindern mit Fördermehrbedarf nicht zugetraut wird, das Abitur schaffen zu können, vor allem Kinder mit Downsyndrom, Autismus, Armut, Taubblinde u.w..

Andererseits haben Eltern die Sorge, dass die Entwicklung ihres Kindes ausgebremst würde, wenn ihr Kind gemeinsam mit einem Kind mit Fördermehrbedarf lernen soll.
Zukünftige Personalchefs oder Arbeitgeber kommen jedoch meistens über den Bildungsweg Gymnasium, kommen so kaum mit Kindern mit Fördermehrbedarf zusammen und können so gar nicht die erforderlichen sozialen Kompetenzen erlernen.
So bremst nicht nur das System Förderschule die inklusiven Prozesse im Arbeitsmarkt aus, sondern auch das parallele Bildungssystem.
Um die Inklusion im Arbeitsmarkt tatsächlich zu erreichen, ist es wichtig sich auch anzuschauen, wie das Bildungssystem in anderen Ländern ist.

Länder mit besonders hohen Inklusionsquoten
In Italien wurden Förderschulen und Sonderklassen schon vor über 30 Jahren abgeschafft. Alle Schüler werden bis zur 8. Klasse in den gleichen Bildungseinrichtungen unterrichtet …“
Auszug aus dem Artikel
http://www.diplomatisches-magazin.de/special-03-2014-de/?PHPSESSID=4ajm5f4q41ipckjbia7l7diif7

In den drei kanadischen Provinzen New Brunswick, Prince Edward Island und Québec wird ein anderes Modell zur Sonderpädagogik praktiziert:
„…Diese stellt einen Gegenentwurf zur in deutschsprachigen Kontexten vorherrschenden Profession der Sonderpädagogin bzw. des Sonderpädagogen dar, da sie sich „nicht über eine speziell auszuweisende Klientel, sondern über ihr spezifisches Wissen und Know
How definiert, welches die willkürliche Definitionsgrenze der Komposita mit „Sonder-“ obsolet macht…“

Sehr wichtig ist auch, wie der Förderbedarf definiert wird. Im internationalen Vergleich geht Kanada mit dem Begriff Inklusion am weitesten: „Every individual is equal before and under the law and has the right to the equal protection and equal benefit of the law without discrimination and, in particular, without discrimination based on race, national or ethnic origin, colour, religion, sex, age or mental or physical disability.”

Mehr zu den beiden obigen Punkten siehe bitte unter
http://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/196/202

Inklusion im Arbeitsmarkt und in unserer Gesellschaft
Wenn nun grundsätzlich jedes Kind gefördert wird, dann werden sicher eher alle Eltern bereit sein ihr Kind „ohne Fördermehrbedarf“ gemeinsam mit Kindern „mit Fördermehrbedarf“ lernen zu lassen.
So dass es später mehr private Unternehmen wie z.B. SAP, wo relativ viele Autisten Erfolg haben, geben wird.
Wir brauchen auch mehr gesellschaftliche Aufklärung, so dass wir die persönliche Leistung neu definieren. Z.B. in Spanien gibt es eine Stadträtin mit Downsyndrom. Wann sind wir ebenfalls dazu in der Lage?

Arbeit, Freiheit, Inklusion, Menschenrechte, News, Philosophie, Soziales, Weltanschauung

workeer – die erste Jobbörse für Flüchtlinge

Großartig!
Was ist workeer?

workeer ist die erste Ausbildungs- und Arbeitsplatzbörse Deutschlands, die sich speziell an Flüchtlinge richtet. Mit der Plattform soll ein geeignetes Umfeld geschaffen werden, in dem diese besondere Gruppe von Arbeitssuchenden auf ihnen gegenüber positiv eingestellte Arbeitgeber trifft.

Die Jobbörse ist als Abschlussprojekt im Rahmen unseres BA Kommunikationsdesignstudiums an der HTW Berlin im Sommer 2015 entstanden. Wir planen die Weiterführung und -entwicklung über unseren Abschluss hinaus fortzuführen. Wenn Sie uns dabei unterstützen wollen oder andere Fragen haben, nehmen Sie gern Kontakt zu uns auf.

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Umfrage „Diskriminierung in Deutschland 2015“

Datum 01.07.2015 via Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Sie haben es erlebt? Berichten Sie davon!

Wegen Ihrer Behinderung oder Ihres Alters werden Sie nicht zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, obwohl Sie hervorragend qualifiziert sind?
Sie werden gemobbt, weil Sie lesbisch oder schwul sind?
Ihr Kind bekommt wegen seiner Migrationsgeschichte trotz guter Noten keine Gymnasialempfehlung?
Bei der Wohnungssuche gehen Sie leer aus, weil Sie ein Kopftuch tragen?

Berichten Sie uns von den diskriminierenden Erfahrungen, die Sie, Ihre Angehörigen und Freunde gemacht haben. Dabei interessieren uns alle Lebensbereiche: vom Kindergarten, über Schule und Hochschule, bis zum Beruf; vom Wohnen über Versicherungs- und Bankgeschäfte bis zum Freizeitbereich.

Diskriminierungen wegen des jungen oder alten Lebensalters, einer Behinderung oder chronischen Krankheit, aus rassistischen Gründen oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts (Männer, Frauen, Trans* und intergeschlechtliche Menschen), der Religion oder Weltanschauung sowie der sexuellen Identität sind nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verboten. In unsere Umfrage beziehen wir auch die „soziale Herkunft“ (z.B. Einkommen, Bildungshintergrund, auch der Elterngeneration) mit ein.

Wann geht es los?

Sie können sich vom 1. September bis 30. November 2015 beteiligen.

Wer kann mitmachen?

Alle in Deutschland lebenden Menschen ab 14 Jahren.

Was wollen wir erreichen?

Diese Umfrage, die wir gemeinsam mit dem Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung durchführen, soll Diskriminierungen sichtbar machen! Wir wollen auch wissen, welche Auswirkungen Diskriminierungen auf Menschen haben und wie sie damit umgehen. Mit den Ergebnissen werden wir konkrete Handlungsempfehlungen entwickeln, wie Diskriminierungen künftig verhindert werden können. Erste Ergebnisse werden im Frühjahr 2016 veröffentlicht.

Wenn Sie inhaltliche Fragen zur Umfrage haben, wenden Sie sich bitte an Nathalie Schlenzka (Nathalie.Schlenzka(a)ads.bund.de, Tel.: 03018 555 1813).

Machen Sie mit und helfen Sie dabei, Diskriminierungen abzubauen. Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

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Erinnerung an ein Statement vom DSB, das nach wie wie vor hochaktuell ist!

Ich verschiedenen, aktuellen Anläßen, möchte/muss ich auf ein Statement vom DSB (Deutscher Schwerhörigenbund) hinweisen!

Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lebenslagen
von Menschen mit Beeinträchtigungen

Vorbemerkungen

Der Deutsche Schwerhörigenbund e.V. (im Folgenden kurz: DSB) verfolgt seit sehr vielen Jahren u.a. das Ziel, dass die Bedürfnisse von Menschen mit Hörbehinderungen – und hierbei insbesondere der lautsprachlich orientierten schwerhörigen und ertaubten Menschen – in der Gesellschaft angemessen berücksichtigt und Teilhabe, Selbstbestimmung sowie Freiheit vor Kommunikationsbarrieren und Diskriminierung für die betroffenen Menschen durchgesetzt und gewährleistet werden.

Der Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lebenslagen von Menschen mit Beeinträchtigungen wird diesen Zielsetzungen nach Meinung des DSB leider nicht gerecht.

 

Stellungnahme des Deutschen Schwerhörigenbundes e.V. (Quelle – Link)

Der Teilhabebericht ist nach Auffassung des DSB in den Bereichen, in denen die Situation von Menschen mit Hörschädigungen behandelt wird, sehr stark auf die Belange gebärdensprachlich orientierter gehörloser Menschen ausgerichtet. Die häufig andersartigen Bedürfnisse lautsprachlich orientierter schwerhöriger und ertaubter Menschen werden im Teilhabebericht dagegen kaum erwähnt.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Der DSB unterstützt die berechtigten Forderungen gehörloser Menschen nach Nutzung von Deutscher Gebärdensprache (DGS) und den Einsatz von Gebärdensprachdolmetschern. Es ist nicht unser Ziel zu erreichen, dass hier Abstriche gemacht werden – im Gegenteil, ein weiterer Ausbau dieser Angebote wird als erforderlich angesehen.

Der DSB ist jedoch der Auffassung, dass schwerhörige und ertaubte Menschen entsprechend der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) das Recht haben, dass ihre eigenen behinderungsbedingten Bedürfnisse von der Gesellschaft gleichrangig und gleichberechtigt zu den Belangen gehörloser Menschen behandelt und beachtet werden.

Hierbei sind auch die Zahlen der Betroffenen beachten: In Deutschland leben etwa 13 Millionen schwerhörige Menschen, hiervon sind zwischen ca. 6 und 6,5 Millionen Menschen auf Hörhilfen angewiesen und erfüllen damit die Bedingungen, um als behinderte Menschen wahrgenommen zu werden. Zusätzlich leben in Deutschland ca. 200.000 Menschen, die nach dem Spracherwerb ertaubt sind. Fast alle diese Menschen kommunizieren lautsprachlich und verwenden keine Gebärdensprache. Sie sind in der Kommunikation auf Hörgeräte, Cochlea Implantate (CI), Übertragungsanlagen und/ oder Einsatz von Schriftdolmetschern angewiesen. Dagegen sind 80.000 Menschen in Deutschland gehörlos.

Aufgrund des im Jahr 2009 bundesweit eingeführten Neugeborenen-Hörscreenings wurde eine Frühversorgung mit Hörgeräten oder ggf. mit Cochlea Implantaten (CI) möglich. Dies führt dazu, dass Kindern, die früher als gehörlos eingestuft wurden, das Hören und Verstehen sowie das Erlernen der Lautsprache ermöglicht wird.

Die vom DSB gesehene Ungleichbehandlung der sehr verschiedenartigen Behinderungen Schwerhörigkeit/Ertaubung einerseits und Gehörlosigkeit andererseits im Teilhabebericht der Bundesregierung dokumentieren wir anhand der nachfolgenden Tabelle.

Hier haben wir das Aufkommen bestimmter Stichwörter im Text des Teilhabeberichtes ermittelt und aufgelistet. Aus der Zahl lässt sich die dem Thema zukommende Gewichtung ablesen.

Tabelle

Daraus wird deutlich, dass nicht nur der DSB bei der Erarbeitung des Teilhabeberichts überhaupt nicht einbezogen wurde, sondern dass auch die Themen, die die Teilhabe schwerhöriger und ertaubter Menschen in der Gesellschaft ermöglichen, von der Bundesregierung kaum beachtet werden.

Auffällig ist, dass mehrmals im Teilhabebericht Schriften des Deutschen Gehörlosenbundes e.V. genannt und auch daraus zitiert wurde, während kein einziges Mal Texte des DSB herangezogen wurden.

Ganz wichtige Hilfen für schwerhörige Menschen wie Hörgeräte, Cochlea-Implantate (CI), Übertragungsanlagen (Induktion, Funk) und Schriftdolmetscher fehlen im Teilhabebericht völlig.

Weder die Tatsache, dass viele schwerhörige Menschen überhaupt nicht oder nur unzureichend mit Hörgeräten versorgt sind, noch die Problematik mit den weitaus zu niedrigen Festbeträgen für Hörgeräte finden im Teilhabebericht Erwähnung. Für viele Betroffene ist eine ausreichende und zweckmäßige Hörgeräteversorgung bereits seit vielen Jahren unerschwinglich geworden. Damit wird die Teilhabe vieler schwerhöriger Menschen in der Gesellschaft verhindert, leider bleibt auch dieser Sachverhalt im Teilhabebericht der Bundesregierung unberücksichtigt.

Absolut nicht hinnehmbar ist es, dass im Teilhabebericht der Bundesregierung das schwierige Thema Schwerhörigkeit im Alter und die daraus resultierenden Exklusionsrisiken völlig unbehandelt bleiben. Nach Ermittlungen von SOHN1 sind ca. 37% der Bevölkerung zwischen 60 und 69 Jahren und 54% der Bevölkerung über 70 Jahren hörgeschädigt. Nach neuesten Angaben soll dieser Anteil bei über 80jährigen Menschen sogar 90% betragen2. Es handelt sich hier somit nicht um eine kleine vernachlässigbare Minderheit, die sehr erhebliche Beeinträchtigungen hinsichtlich der Teilhabe in unserer Gesellschaft erleben muss. Nicht vergessen werden dürfen die gesundheitlichen Folgen aus der sich ergebenden Isolierung der betroffenen Menschen und die gesellschaftlichen Kosten für deren Behandlung.

Grundsätzlich vermisst der DSB im Teilhabebericht der Bundesregierung Hinweise auf erforderliche Maßnahmen zur Erreichung der Teilhabe und Barrierefreiheit für schwerhörige und ertaubte Menschen und deren Finanzierung. Das betrifft nicht nur den Einsatz von technischen Hilfen und/ oder Schriftdolmetschern, sondern auch notwendige Schulungen von Personal in Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern, Schulen, am Arbeitsplatz sowie Unterstützung zur Ausbildung von Hör-Beratern, Schriftdolmetschern, Audiotherapeuten, Kommunikations- und Arbeitsassistenten.

In den Bereichen Bildung, Arbeitsleben, Gesundheit und Pflege sind weitere besondere Maßnahmen erforderlich, die im Teilhabebericht der Bundesregierung leider ungenannt blieben. Hierzu 3 Beispiele:

1. Bildung

In inklusiven Schulen muss an Maßnahmen zur Reduzierung der Lautstärke im Klassenraum, an Schulungen des Lehrpersonals aus Regelschulen im Umgang mit Schülern mit Hörbehinderungen sowie Nachteilsausgleiche für hörbehinderte Schüler gedacht werden, die z.B. für hörbehinderte Studenten auf Antrag gewährt werden. Von großer Wichtigkeit ist es, dass die Größe von Klassen mit hörgeschädigten Schülern höchstens 20 Kinder beträgt. Alle akustischen Signale müssen zusätzlich als optische Signale angeboten werden (Zwei-Sinne-Prinzip).

Leider werden im Teilhabebericht der Bundesregierung die erforderlichen technischen Hilfen für schwerhörige Menschen in Schulen, Hochschulen und sonstigen Bildungsmaßnahmen wie z.B. FM-Anlagen nicht aufgeführt.

Auf Seite 84 des Teilhabeberichts wird gefordert, „Schülern mit Sinnesbehinderungen das Erlernen von Gebärden (…) zu ermöglichen“. Dieser Forderung kann sich der DSB aus verschiedenen Gründen nicht anschließen. Ziel der inklusiven Beschulung muss es sein, schwerhörige Kinder bestmöglich auf das Berufsleben vorzubereiten, das heißt: zur eigenständigen Kommunikation mit der guthörenden Umwelt zu befähigen. Dieses Ziel bedeutet, dass vor allem Hören und Verstehen, Sprechen, Mundabsehen und schnelles Lesen gelernt und trainiert werden muss. Ebenso ist es erforderlich, bereits in der Schule die Nutzung und den Umgang mit Assistenz (z.B. Schriftdolmetschern) einzuüben. Der DSB lehnt daher die zwangsweise Unterrichtung aller hörgeschädigten Schüler in einem Unterrichtsfach „Gebärdensprache“ ab. Wenn schwerhörige Kinder freiwillig Gebärden lernen wollen, sollte dies selbstverständlich möglich sein. Im Übrigen wendet sich der DSB gegen die pauschale Verwendung des Wortes „Gebärden“. Es muss unterschieden werden zwischen lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG) und Deutscher Gebärdensprache (DGS). Bei der LBG werden die in normaler Lautsprache gesprochenen Worte durch Gebärden begleitet, während es sich bei der DGS um eine eigenständige Sprache mit völlig anderer Syntax und Grammatik handelt.

Zum Thema hörgeschädigte Kinder in der Schule könnten viele weitere Anmerkungen erfolgen, auf die an dieser Stelle verzichtet wird. Zwar ist die Hoheit über die Bildung Ländersache, dennoch darf ein Teilhabebericht der Bundesregierung nicht auf diese wesentlichen Aspekte bei der Teilhabe von schwerhörigen Kindern verzichten, die nicht nur für Schulen wichtig sind, sondern ebenso in Kindergärten, Horten und ähnlichen Einrichtungen.

2. Arbeit und Beschäftigung

Das Thema Arbeit und Beschäftigung wird im Teilhabebericht der Bundesregierung weitgehend ohne Beispiele für Missstände und erforderliche Verbesserungen behandelt, obwohl dieser Bereich für Menschen mit Behinderungen und speziell mit einer Hörbehinderung ein existenziell wichtiges Thema darstellt. Inklusion und die erforderlichen Maßnahmen zur Barrierefreiheit am Arbeitsplatz müssen notfalls auch gegen den Widerstand der Arbeitgeber durchgesetzt werden.

Beispiele für Menschen mit Hörbehinderungen: Alle Besprechungen, Abteilungs- oder Betriebsversammlungen sowie Fortbildungsveranstaltungen müssen frei von Kommunikationsbarrieren angeboten werden. Dies kann durch Einsatz von technischen Hilfen und/ oder Schriftdolmetschern erfolgen.

Leider enthält der Teilhabebericht der Bundesregierung keinen Hinweis auf die Tatsache, dass Anträge auf notwendige Hilfen am Arbeitsplatz von den Integrationsämtern zunehmend abgelehnt werden. So wird eine zeitnahe Beschaffung und Nutzung der erforderlichen Hilfen in Frage gestellt und zur Durchsetzung berechtigter Ansprüche werden Widerspruchs- und Klageverfahren erforderlich, die oft die Kraft der Menschen mit Behinderungen übersteigen und sie resignieren lassen. Dies betrifft besonders Anträge zum Persönlichen Budget, Gewährung von Arbeitsassistenz und Unterstützende Beschäftigung, die durch bürokratische Hürden erschwert werden mit der Folge, dass diese notwendigen Hilfen im Arbeitsleben viel zu wenig in Anspruch genommen werden.

Nach den Erfahrungen des DSB sind die Integrationsfachdienste der Integrationsämter für hörbehinderte Menschen oft speziell auf gehörlose Menschen ausgerichtet, besitzen wenig Kenntnisse über Schwerhörigkeit und Lösungsmöglichkeiten bei diesbezüglichen spezifischen Problemen und geben daher nicht selten fehlerhafte Auskünfte an schwerhörige Menschen.

Der Teilhabebericht der Bundesregierung enthält keine Hinweise auf Probleme in der Berufsausbildung. Beispielsweise führt die bei Prüfungen in der Berufsausbildung verwendete komplizierte „Prüfungs-Sprache“ dazu, dass Menschen mit geringer Schriftsprach-Kompetenz, z.B. Menschen mit starker Hörbehinderung, mit Migrationshintergrund oder mit Legasthenie scheitern können, weil sie die Prüfungsaufgaben nicht verstehen. Im Ergebnis bedeutet das: Wer gut Deutsch kann, macht die bessere Mathe- oder Technologie-Prüfung. Es ist zu fordern, auch in den Prüfungsordnungen die Inklusion voranzutreiben und Textoptimierte Prüfungen, wie sie in dem vom BMAS geförderten Projekt der Universität Halle Wittenberg erarbeitet wurden, flächendeckend anzuwenden.

Weiterhin gibt es im Bereich der Berufsausbildung keine Nachteilsausgleiche für Auszubildende mit Behinderungen, wie sie z.B. in Schulen und im Studium vorhanden sind.

Ebenso muss in der Berufsausbildung ermöglicht werden, dass hörgeschädigte Auszubildende Kommunikationshilfen benutzen dürfen, verbunden mit der Pflicht der Integrationsämter, diese Hilfen zu finanzieren. Auch muss festgelegt werden, dass die Ausbilder die Nutzung der Kommunikationshilfen nicht ablehnen dürfen.

3. Gesundheit und Pflege

In den Bereichen Gesundheit und Pflege sind in dem Teilhabebericht der Bundesregierung kaum konkrete Maßnahmen für Menschen mit Behinderungen aufgeführt.

Ein nicht zu unterschätzender Anteil von Patienten in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen sowie bei niedergelassenen Ärzten sind schwerhörig oder ertaubt, konkrete Zahlen oder Schätzwerte über die Zahl hörgeschädigter Patienten liegen nicht vor, es wird ein Anteil von 20 bis 30% in Krankenhäusern und 70 bis 80% in Pflegeeinrichtungen für realistisch gehalten.

Bei der Festlegung von Pflegezeiten durch MDK-Gutachter bleibt derzeit die Hörbehinderung des Pflegepatienten unberücksichtigt. Durch die Hörbehinderung entsteht ein höherer zeitlicher Pflege-Aufwand von ca. 50%, der sich aufgrund der behinderten Kommunikation zwischen Pflegepersonal und dem Pflegepatienten ergibt. In der Ausbildung des Pflegepersonals wird der Umgang mit hörgeschädigten Pflegepatienten kaum behandelt.

Mehrfach wird – sicherlich zu Recht! – die Demenzerkrankung im Seniorenalter und bei pflegebedürftigen Menschen mit Behinderungen erwähnt. Allerdings erfolgt kein Hinweis darauf, dass mitunter eine tatsächlich vorhandene Schwerhörigkeit für eine Demenzerkrankung gehalten wird. Ursächlich für eine solche Verwechslung sind ähnliche Verhaltensweisen der Betroffenen. Beispielsweise wird bei der Begutachtung der Pflegebedürftigkeit ein Kriterienkatalog bei Screening und Assessment mit Verhaltensweisen verwendet, die sowohl bei Schwerhörigkeit als auch bei eingeschränkter Alltagskompetenz zutreffen können. Die erforderlichen genauen Untersuchungen zur exakten Unterscheidung erfolgen zum Nachteil der betroffenen schwerhörigen Personen nicht immer, was erhebliche Falschbehandlungen nach sich zieht und der Teilhabe krass entgegensteht.

Menschen mit Behinderungen machen oft die Erfahrung, dass Krankenkassen sehr häufig notwendige Behandlungen von Menschen mit Behinderungen ablehnen, die Kostenübernahme für verordnete Hilfsmittel oder die Genehmigung von erforderlichen Rehabilitationsmaßnahmen verweigern. Sie orientieren sich nicht an dem in der UN-BRK geforderten „erreichbaren Höchstmaß an Gesundheit“, sondern halten „ausreichende“ und Kosten sparende Ergebnisse für hinnehmbar. Durch unnötige Bürokratie versuchen die Krankenkassen zudem, ihre Versicherten, die Patienten mit Behinderungen, mit Verfahrensverschleppung und unzutreffenden Behauptungen in die Resignation zu treiben.

Hierbei spielt der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) eine unrühmliche Rolle, der sich zu einer reinen Ablehnungsbehörde entwickelt hat, was durch hohe Zahlen an Widerspruchsverfahren und Klagen vor Sozialgerichten belegbar ist. In seinen Begutachtungen begründet der MDK seine Ablehnungen in der Regel kaum, sondern dekretiert diese in einer eher an obrigkeitsstaatliche Formen erinnernden Manier von oben herab. Weiterhin besteht der Eindruck, dass die begutachtenden Ärzte des MDK nicht immer mit dem letzten wissenschaftlichen und medizintechnischen Stand vertraut sind.

Die Kommunikationsbarrieren in Gesprächen mit Ärzten und Pflegern werden im Teilhabebericht der Bundesregierung überhaupt nicht gesehen und bleiben völlig unerwähnt. Viele hörgeschädigte Patienten wissen nach einem Arztbesuch weder über Diagnose noch über Therapie Bescheid, was eine erhebliche Teilhabe-Einschränkung bedeutet.

Ebenso wenig werden die ungeeigneten Lautsprecher-Aufrufe z.B. vor Röntgenkabinen in Krankenhäusern erwähnt, die hörgeschädigte Patienten nicht wahrnehmen können und dadurch oft lange warten müssen.

Arztpraxen sind meist lediglich telefonisch erreichbar. Es muss auch die schriftliche Kontaktaufnahme mit modernen Kommunikationsformen wie E-Mail oder Fax durch Angabe der E-Mail-Adressen oder Fax-Nummern ermöglicht werden.

Fazit

International wurde die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) unter dem Motto „Nothing about us without us!“ (Nichts über uns ohne uns!) verhandelt. Die Bundesregierung kommt aber ihren Verpflichtungen zur Beteiligung von Menschen mit Behinderungen nur unzureichend nach.

Bei der Erarbeitung des Teilhabeberichts wurden nur drei behinderte Menschen als Vertreter einer in Deutschland doch sehr aktiven Bewegung von Menschen mit Behinderungen und ihrer Organisationen zugelassen. Da kein schwerhöriger Mensch zu den drei auserkorenen Beteiligten im Redaktionsteam des Teilhabeberichts gehörte, ist es nicht verwunderlich, dass im Ergebnis schwerhörige und ertaubte Menschen und ihre Teilhabebedürfnisse im Teilhabebericht der Bundesregierung nicht vorkommen.

Da dem DSB – ebenso wie anderen Behindertenverbänden – noch nicht einmal die Gelegenheit gegeben wurde, vor der Veröffentlichung zum Entwurf des Teilhabeberichts Stellung zu nehmen, verwundert es nicht, wenn der Teilhabebericht der Bundesregierung nicht die Zustimmung des DSB finden kann. Schwerhörige und ertaubte Menschen finden sich in diesem Bericht einfach nicht wieder und fragen sich, ob es der Bundesregierung ernst ist mit ihrem Teilhabeversprechen, das sie u.a. durch Ratifizierung der UN-BRK gegeben hat.

Berlin, Oktober 2013

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1 Quelle: Studie von Wolfgang SOHN (Universität Witten): Zahl der Hörgeschädigten in Deutschland, Bericht von 1999
2 Quelle: Studie der Fakultät für Medizin und Gesundheit von der Universität Wisconsin, Madison, veröffentlicht in: Hear-it.org vom 01.08.11

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Hörgeschädigte, Gebärdensprachler*innen und der inklusive Prozess

Ob leicht-, mittelgradig, an die Taubheit grenzend schwerhörig, ertaubt, taub, taubblind, ob CI-Nutzer*in, ob Gebärdensprachler*in oder nicht, der richtige inklusive Prozess für Hörgeschädigte, Gebärdensprachler*innen und Taubblinde kann nur dahin gehen, dass alle Gruppierungen gleichberechtigt behandelt, berücksichtigt und unterstützt werden, wie auch jedeR Einzelne optimal gefördert, unterstützt wird. Erst dann kann der inklusive Prozess richtig sein.

Und keiner darf für seine/ihre Entscheidung negativ kritisiert werden, wenn er/sie sich dafür entscheidet ein CI, Hörgerät oder lieber die Gebärdensprache zu nutzen. Das kann nur jedeR Einzelne für sich selbst herausfinden, wie man im Leben am besten mit den verschiedenen Barrieren und Hilfen zurecht kommt.

Und es muss aufhören, dass Menschen denken, wenn ein Mensch „anders“ spricht, dass man dann deshalb für „dumm“ gehalten, nicht gleichermaßen gewürdigt und wertgeschätzt wird.

Und immer wieder möchte ich daran erinnern, dass die z.B. die spanische Gesellschaft inzwischen reifer ist, wo sie schon eine Stadträtin mit Downsyndrom haben.

Ich kann es nicht mehr hören, „das kann sie doch nicht …“ Genau darin liegt der Denkfehler und muss unsere allgemeine menschliche Haltung in Frage stellen!

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Was ist Inklusion?

Aus wiederholten Erfahrungen, immer wieder wird beim Begriff Inklusion nur an die Bildungspolitik mit Menschen mit Behinderung gedacht. Dabei ist Inklusion viel mehr als das.
Es gibt ein gutes Online-Handbuch zum Thema „Inklusion als Menschenrecht“ auf das ich hinweisen möchte.

Inklusion als Menschenrecht